Ach, je mehr ich mich mit der Reiterei befasse, desto schwerer wirds.
Gerd Heuschmann hat ganz wichtige Dinge ins Rollen gebracht, und dafür schätze ich ihn sehr.
Ich kann auch Person und Werk trennen, auch das ist manchmal notwendig.
Dass der Tölt verschwindet, wenn das Pferd "weich" wird und an falschem
Tonus verliert, ist ein gutes Zeichen.
Ich kenne das von vielen Pferden. Und die glücklichen Gesichter (Pferd und Reiter), wenn der Trab besser und schöner wird und nicht mehr dieses Stech-Getrippel ist.
Und dann braucht es nur noch Zeit und den Willen, reiten zu lernen.
Und bis zu dem Niveau, das notwendig ist, kann das jeder schaffen, der das Pferd wirklich gern hat.
Da ich derzeit mit Grippe im Bett liege habe ich mal wieder Podhajsky gelesen und finde darin so viele faszinierenden Dinge, die doch genau zutreffen, wenn man anfängt, sich an den Bedürfnissen seines Pferdes zu orientieren.
Deshalb bin ich manchmal so erschüttert, was aus der Reiterei geworden ist.
Sie ist wie Musizieren - zunächst schmerzlich zu erlernendes Handwerk und danach bei einigen Begnadeten Kunst.
Die "Verfreizeitlichung" hat dies nicht einfach auf ein "Gebrauchsniveau" runtergeschraubt - damit könnte ich gut leben - sondern die Sache an sich pervertiert.
Es gibt strahlende jugendliche Islandpferdereiter mit hohen Platzierungen,
die noch nie auf einem losgelassenen Pferd saßen.
Das ist das eigentliche Elend, dass sich die Spirale immer noch wiederholt, sich deshalb nix ändert und es nach wie vor diese komische Unterscheidung gibt:
"gehörst du zu uns oder bist du ein alternativer Dressurreiter".
Dabei finde ich den Begriff "alternativer Dressurreiter" bei uns auf dem Hof ein Witz, denn wenn man schon richtig foppen will müsste man ja sagen:
"bist du so ein reaktionärer Reiter, der nach der alten, militärischen Reitlehre reitet".
Das sagt aber keiner, weil es niemand weiß.
Ich denke, wenn man die Gymnastiksachen ernst nimmt, kommt man mit kleinen Unterschieden auf das selbe.
Leider gibt es eben - genauso wie es verirrte "FN"ler gibt (was für ein Wort...) auch verirrte "Klassiker" und "Barocker", die z.B. die Übung "Kopf in die Bahn" mit Seitengängen verwechseln.
Und mit der Biegung im Seitengang: Seunig fängt das Schulterhervor früh an, auch Steinbrecht macht es nicht an den "Dressurniveaus" fest, insofern finde ich die Aussage "erst L, dann seitwärts" klassisch gesehen falsch.
Es geht nach dem Pferd.
Für mich ist wichtig, dass der Hals soweit fest ist, dass ich tatsächlich
Stellung und Biegung erziele (und nicht "Kranausleger zur Seite").
Das hängt vom Pferd ab.
Und natürlich gibt es Pferde, für die ist zu früh seitwärts Gift.
Aber auch das hängt davon ab, wer drauf sitzt.
Wer keine Idee davon hat, dass man je nach Zügelmass und Einwirkung auch einen losen Hals stabilisieren kann, der wird besser beraten sein, zu warten.
Wer versiert ist, kann das früher in Angriff nehmen.
Beides wäre für mich klassisch, da einen denkenden Reiter anzeigend, der sich und Pferd ins Verhältnis setzt.
Da ich nur in größeren Abständen Unterricht nehmen kann, gehe ich z.B. den Weg kleiner Schritte, weil ich denke, dass dann notwendige Korrekturen nicht so aufwendig sind wie wenn ich viel selbst probiere, von dem ich dann annehmen muss, dass einiges falsch ausgeführt ist.
Hätte ich jede Woche zwei Mal Unterricht, sähe es anders aus - aber auf dem gleichen systematischen Ausbildungsgerüst.