Darmerkrankungen
Beim Pferd findet eine intensive chemische Umwandlung (Gärung/
Fermentation) der Futtermittel durch Bakterien (Keime) und Enzyme (spezielle Eiweißgruppen) statt. Pferde verdauen jede aufgenommene konzentrierte (gehaltvolle, rohfaserärmere) Nahrung (z.B. Kraftfutter) hauptsächlich im Magen und Dünndarm.
Restmengen konzentrierter Nahrung und alle schwer verdaulichen Bestandteile des Futters (z.B. Gerüstsubstanzen wie
Cellulose von Gras, Heu und Stroh) fließen in den Dickdarm und werden beim Pferd im verhältnismäßig großen, magensackähnlich erweiterten Blindarm- Teil des Dickdarms- mikrobiell
fermentiert.
Der Vorgang der Nahrungsaufnahme richtet sich grundsätzlich nach den stofflichen und energetischen Verlusten, die der Körper zur Sunstanzerhaltung ausgleichen muss. Maßgebend dafür sind alle chemischen Vorgänge im Körperinneren, die als Stoffwechsel (Metabolismus) bezeichnet werden. Dabei stehen sich in allen lebenden Zellen stets gleichzeitig zwei Stoffwechselprozesse gegenüber. Zum einen aufbauende Prozesse (Anaboliusmus) z.B.
Eiweiß (Protein)Synthese, Milchzuckersynthese, Fettsynthese oder Knochenbildung, zum anderen abbauende Prozesse (Katabolismus) wie z.B. Knochenabbau und Wasser.
Überwiegen die anabolen Prozesse, dann ist eine sog. anabole Stoffwechsellage gegeben, z.B. beim wachsenden Fohlen oder beim Pferd im Konditionstraining mit verstärkter Muskelbildung.
Beim Überwiegen der katabolen über die anabolen Prozesse ergibt sich eine katabole Stoffwechsellage. Diese ist gegeben bei Unter- und Fehlernährung, Krankheit und hohem Alter. Dabei vermindert sich die Körpermasse so lange, bis der Organismus stirbt.
Sind die anabolen gleich groß wie die katabolen Stoffwechselprozesse, erhält sich der Körper in dem Zustand, in dem er sich befindet: ein Fließgleichgewicht besteht. Vorgänge, die dem Sättigungszentrum des Organismus signalisieren, dass eine ausreichende Nahrungsaufnahme erfolgt ist, sind z.B. die nach der Futteraufnahme gesteigerte Wärmeerzeugung des Körpers, hormonelle Faktoren, der jeweilige Gehalt an
Blutzucker oder der Konzentrationsgrad an flüchtigen
Fettsäuren.
Futteraufnahme und Dauer der Nahrungspassage
Die normalen Aufnahmezeiten pro Kilo bei Warmblütern:
*Stroh und langes Heu etwa 45 Minuten
*Hafer etwa 15 Minuten
*pelletiertes Futter etwa 15 Minuten
*Futter in Brikettform, also Fertigfutter, etwa 20 Minuten.
Die Reihenfolge beim Füttern sollte sein:
erst Heu dann Kraftfutter.
Das Heu regt die Absonderung der Verdauungssäfte an und schwächt das Hungergefühl, somit wird das Kraftfutter nicht gierig gefressen, sondern besser gekaut und eingespeichelt. Die Dauer der Nahrungspassage in den einzelnen Darmabschnitten hängt von zahlreichen Faktoren ab (Individualität und Belastung des Pferdes, Zerkleinerungsgrad, Verdaulichkeit oder Verunreinigung des Futters).
Von der Gesamtpassagezeit von 35-50 Std. entfallen rd. 85% auf den Dickdarm. Grünfutter und Raufutter passieren im Vergleich zu Krippenfutter den Magen- Dünndarmbereich rascher, verbleiben jedoch länger im Dickdarm. Schwer abbaubare Raufuttermittel (Stroh) durchlaufen den Dickdarm langsamer als Grünfutter und jüngeres Heu
Folgende Grundsätze sind deshalb zu beachten:
* Heu nach der Ernte mindestens 8 Wochen lagern, bevor mit der Fütterung begonnen wird. Das Heu verliert die Feuchtigkeit und schwitzt durch
* keinen frisch geernteten Hafer verfüttern. Hafer soll ebenfalls nach der Ernte ca. 8 Wochen lagern
* keine muffigen, verschimmelten Futtermittel einsetzen. Das gilt besonders für Heu (Ballen aufschütteln und kontrollieren), Stroh (weiches Sommergetreidestroh nimmt leichter Wasser aus, Gefahr von Schimmelbildung) und Getreide (hier ist Schimmelbefall of nur am muffigen Geruch zu erkennen). Auch verschimmelte Brotabfälle dürfen nicht verfüttert werden. Da Streustroh teilweise gefressen wird, muss es die gleichen hygienischen Anforderungen erfüllen
* angefaulte oder gefrorene Futtermittel (Rüben, Möhren) sind zu vermeiden. Hackfrüchte müssen vorher gründlich gewaschen werden. Anhaftende Bodenteile und Schmutz können wie Schmirgelpapier auf die sehr empfindliche Darmschleimhaut wirken
* säuerlicher Geruch weist bei Getreide auf erhöhten Wassergehalt und bakterielle Fäulnis hin. Solches Getreide ist für Pferde ungeeignet
* Grünfutter ist immer frisch zu verfüttern. Es erwärmt sich, wenn es liegt und verliert an Schmackhaftigkeit und Futterwert
Bei ungeklärten organischen Erkrankungen, ist die Ursache meist eine Stoffwechselfunktionsstörung. Bei Hautkrankheiten wobei keinerlei Erkennungszeichen auf eine Ursache deuten, liegen oft einem gestörten Hautstoffwechsel zugrunde.
Ob man nun von Hufrehe, Durchfall,
Kolik, gestörtem Haarwechsel, Verfohlen, gestörten Leberfunktionen ect. spricht, alle haben eins gemeinsam, sie werden fast immer durch einen gestörten Stoffwechsel hervorgerufen.
Behandelt wird die in Erscheinung getretene Erkrankung, aber der Auslöser für die Fehlfunktion bleibt meist im Verborgenen. So kommt es dann, dass zu der einen Erkrankung noch eine zweite und dritte dazu kommt, oder die Erste abgeheilt ist und die Nächste schon klingelt.
Eine Symptomlage zu erkennen allein genügt nicht, sondern der gesamte Überblick ist hierbei gefordert. Ohne eine umfassende Regeneration des Stoffwechsels, wäre die Behandlung ein Fass ohne Boden. Man muss einiges über die Stoffwechselvorgänge wissen, um sich ein Bild darüber machen zu können, welches Ausmaß es annehmen kann, wenn dieser aus den Fugen gerät.
Fehlgärungen
Fehlgärungen entstehen durch verstärkte Gasbildung, erhöhte Säureproduktion, in speziellen Fällen aber auch durch Toxinbildung, verschiedenartige Koliken verursachen mit Sekundärfolgen Tympanien (Aufblähung), Schleimhautreizungen, Hyperperistaltik (Verkrampfung) ect.
Primäre Fehlgärungen entstehen überwiegend durch erhöhte Keimgehalte im Futter, so dass sie vorrangig im Magen- Dünndarm- Bereich auftreten. Sekundäre Fehlgärungen, vor allem im Dickdarmbereich, sind die Folge unvollständiger Zerlegung bzw.
Resorption von Nahrungsbestandteilen im vorderen Bereich des Verdauungskanals (nach Aufnahme überhöhter Futtermengen, schwer abbaubarer Substanzen oder bei einer Insuffizienz von
Pankreas und Dünndarm).
Dann gelangen unphysiologisch hohe Anteile un- und teilverdauter Nahrungsstoffe in die tieferen Darmabschnitte und werden dort mikrobiell
fermentiert. Auch jede
Atonie(Erschlaffung) des Darms (durch
Toxine, K-, Ca- Mangel, Schock) begünstigen Fehlgärungen
Fehlgärungen im Magen
Sind heute relativ häufig: z.B. nach Aufnahme von keimreichen Mischfuttern, von nicht abgelagertem Hafer oder Heu, von gefrorenen oder angefaulten Wurzeln und Knollen oder auch von frischem Grünfutter, welches in Haufen gelegen hat und in dem sich
Mikroorganismen vermehrt haben.
Zunächst wirkt kein saurer Magensaft auf den Mageninhalt ein (so dass auch unter physiologischen Bedingungen mikrobielle Umsetzungen stattfinden), können sich dort nach Aufnahme von keimreichem Futter die
Mikroorganismen nach Befeuchtung und Erwärmung stürmisch vermehren.
Stark verhefte Futtermittel führen häufig innerhalb kurzer Zeit nach der Futteraufnahme infolge Gasbildung und Druckerhöhung im Magen zu schweren Koliken, bei vermehrter Milchsäurebildung auch zu Schleimhautreizungen.
Futtermittel, die im Magen stark verkleistern (größere Mengen an Roggen- oder Weizenschrot), können auch ohne hygienische Mängel zu Fehlgärungen im Magen beitragen, weil durch die Durchdringung des Mageninhaltes unkontrolliert mikrobielle Umsetzungen ablaufen.
Auch Stresssituationen, die eine ausreichende Magensaftreaktion behindern (unmittelbar starke Belastung nach der Fütterung, Aufregung, Futterneid), lösen solche Einwirkungen aus.
Fehlgärungen im Dünndarm
Die innerhalb von 2-4 Stunden nach der Futteraufnahme auftreten, häufig als Krampfkolik bezeichneten Störungen sind vielfach auf Fehlgärungen in diesem Bereich zurückzuführen, da sich in dieser Zeit bereits ein Teil der aufgenommenen Nahrung im Dünndarm befindet.
Bei
Kombination von Mischfutter mit nicht einwandfreiem Stroh (Keimbildung) treten die Symptome verstärkt auf
Fehlgärungen im Caecum (Blinddarm)
Entstehen meist sekundär, häufig nach übermäßiger Aufnahme von Krippenfutter, d.h. wenn zu große Mengen hochverdaulicher Substanzen den Dickdarm erreichen.
Je größer die aufgenommene Kraftfuttermengen in einer begrenzten Zeit, um so mehr hochverdauliche Komponenten fließen in das Caecum und werden dort unter Bildung hoher Säuremengen mikrobiell abgebaut.
Die dabei entstehende Milchsäure verursacht nicht nur Reizungen der Darmschleimhaut und eine Senkung des PH- Wertes, sondern auch Motilitätsstörungen im Darmrohr, Veränderungen der Osmolarität und über die Abtötung von
Mikroorganismen auch die Freisetzung von Endotoxinen
Fehlgärungen im Colon (Grimmdarm/ Abschnitt des Dickdarms)
Werden vorwiegend nach größeren Mengen von jungem Grünfutter (wie Gras, Klee) beobachtet. Futtermittel die erst im Dickdarm einem intensiven Abbau unterliegen. Colontympanien zeigen sich auch nach übermäßiger Aufnahme von Brot und Äpfeln. Diese auch als Windkolik bezeichnete Kolikform kennzeichnet sich durch übermäßige Ausdehnung des Darms infolge rascher Gasentwicklung.
Die übermäßige Ausdehnung des Darms infolge rascher Gasentwicklung. Die selbstständige (primäre) Form wird durch die Aufnahme von blähenden keim- und phosphatasereichen Futtermitteln verursacht, wobei die enzymatische Wirkung durch Arsenate der Leguminosen noch gesteigert wird und zu besonders exzessiven Gärung führt.
Physiologischerweise tritt beim Pferd schon während der Futteraufnahme Mageninhalt in den Dünndarm über und gelangt bereits nach zwei Stunden in den Dickdarm. Daher entstehen fütterungsbedingte Blähungen bald nach der Futteraufnahme und erstrecken sich rasch über den ganzen Verdauungstrakt.
Hierbei wirken die Phosphatasen der Futtermittel und der Darmflora als Katalysatoren beim Abbau der
Kohlenhydrate zu Kohlendioxid (67%), es werden aber auch Methan (26%). Schwefelwasserstoff und andere Gase gebildet. Der dehnungs- und der chemische Reiz der Gase lösen gesteigerte krampfhafte
Peristaltik und Kolikschmerzen aus. Je nach Ausmaß der Tympanie beobachtet man geringe (leichte Unruheerscheinungen und verstärkte Darmgeräusche)bis hochgradige Kolikanfälle und Vergrößerung des Bauchumfangs sowie erschwerte Atmung.
In ausgeprägten Fällen nimmt das Pferd zur Verminderung des Drucks eine hundesitzartige
Stellung ein. Der Kot riecht säuerlich und ist oft mit Gasblasen durchsetzt. Der Kotabsatz ist meist vermindert.