Ich glaube, die meisten, die hier posten haben etwas "verquere" Vorstellungen vom
Voltigieren.
Ich bin seit 20 Jahren Voltigierausbilder und reite noch viel länger. Und ich gehöre auch zu den Leuten, die immer mit Helm unterwegs sind, egal ob beim Reiten, Radfahren, Skaten oder auf Skiern. Aber beim
Voltigieren trage weder ich einen Helm noch erlaube ich das den Voltigierern. Auch dann nicht, wenn ich ein unerfahrenes/junges Pferd das erste Mal ausprobiere. 1. ich probiere nur Pferde aus, die ich mir vorher genau angesehen habe und auch geritten bin. 2. wenn ich ein Pferd ausprobiere oder ausbilde, interessiert es niemanden, ob meine Beine gestreckt sind oder ob ich mich bei den Übungen nun festhalte oder nicht. Somit habe ich immer die Möglichkeit, mich ganz darauf zu konzentrieren auch bei einem gelegentlichen Buckler o.ä. oben zu bleiben. Und warum dieser Unterschied? Ich bin nicht der Meinung, dass die Aussagen: das war schon immer so, der Helm ist so unbequem, diese Übungen kann man mit Helm nicht turnen ausreichend sind. Natürlich spielen diese Argumente eine Rolle, aber es sind für mich nicht die entscheidenden. Auch Rad- und Skifahrer haben sich lange gegen ein generelles Helm tragen gewehrt mit den oben genannten Argumenten, aber gerade bei diesen Sportarten ist es häufig zu schweren, wenn nicht gar tödlichen Kopfverletzungen gekommen. Aber warum muss es nun bei diesen Sportarten (genau wie beim reiten) nun ein Helm sein?
Bei allen Posts, die ich hier gelesen habe und bei denen den Reitern beim Sturz etwas passiert ist, endeten an einem Baum, der Bande oder auf einem großen Stein. Genau diese Hindernisse hat man beim
Voltigieren nicht, bzw. der Ausbilder hat dafür zu sorgen, dass es sie nicht gibt.
Wie passieren denn schwere (Reit-)unfälle mit Kopfverletzungen?
Meistens dann, wenn das Pferd unkontrolliert losrennt und der Reiter/Sportler mit einem harten Gegenstand (Bande, Bäume. Hindernisständer, Steine bzw. Bordsteinkanten Asphalt usw.) zusammenprallt. "Einfache" Stürze, bei denen der Reiter lediglich im Sand landet, verlaufen doch zumeist harmlos (von Verletzungen an Armen und Beinen jetzt mal abgesehen, bei denen ein Helm ja eh nicht helfen würde).
Ein Helm schützt nur den Kopf bei Stürzen gegen harte Gegenstände. Daher wird er auch bei allen Sportarten, bei denen die Sportler zwar den Boden verlassen, aber sich doch in mehr oder weniger geschütztem Umfeld (Turnen, Akrobatik, Rock´n´Roll, Eislaufen) aufhalten auf einen Helm verzichtet.
Und da haben wir die Parallele zum
Voltigieren:
Das Pferd (selbstverständlich gut ausgebildet, "voltigiererprobt", usw.) läuft auf einem ordentlichen Platz oder in der Halle mit genügend Sicherheitsabstand zu Bande oder Zaun. Steine und Bäume gibt es dort auch nicht. Also fallen diese Verletzungsgefahren schon mal weg. Fällt ein Voltigierer jetzt trotzdem einmal, landet er in der Regel ganz einfach im Sand, größter Schwachpunkt dabei: die Bänder in Knie- und Fußgelenken.. Helm nutzlos.
Im Gegensatz zu vielen (jungen) Reitern, die einfach alleine und ohne Anleitung durch die Gegend düsen ohne jedes Gefahrenbewusstsein, sind Voltigieranfänger immer "unter Aufsicht", schließlich braucht man zum
Voltigieren einen Longenführer. Und dieser trägt die Verantwortung, dass die Voltigierer nur Übungen turnen, denen sie körperlich und auch geistig gewachsen sind.
Werden neue und/oder schwierige Übungen die ersten Male ausprobiert, wird immer auf eine Hilfestellung geachtet, im Zweifelsfall auch innen und außen und wenn nötig auch vom Pferd aus.
Turnen mehrere Voltis zusammen, werden die Übungen erst einmal intensiv auf dem Holzpferd geübt, bis alle Handgriffe blind funktionieren. Bei allen Übungen mit jungen/kleinen Obermännern ist es die Aufgabe der (erfahrenen) Untermänner/frauen diese erst sicher zu Boden zu bringen, bevor sie sich selbst „retten“ dürfen. Meist sitzt dabei noch ein Voltigierer auf dem Hals/Rücken und kann den Untermann auch noch zusätzlich sichern und sicher zu Boden bringen.
Turne ich alleine, weiß ich eigentlich immer, wo mein Gurt ist, an dem ich mich zur Not festhalten kann bzw. der mir die Möglichkeit gibt, dass ich mich so positioniere, dass mein Füße zuerst am Boden aufkommen.
Ich denke, den meisten Nicht-Voltigierern ist nicht bewusst, wie groß diese Griffe tatsächlich sind und wie gut man sie im Notfall auch greifen kann, ganz im Gegenteil zu den Maria-Hilf-riemen oder der Sattelkammer. Vielleicht kann ich den Unterschied an folgendem Beispiel verdeutlichen.
Die Griffe der heutigen (guten) Gurte entsprechen in einem Geländer an der Treppe, groß, stabil, unbeweglich und im Notfall leicht zu greifen. Den Maria-Hilf-Riemen kann man sich jetzt als kleines Bändchen an der Wand vorstellen und die Kammer des Sattels als kleine Kuhlen in der Wand. Beides bietet im Notfall wohl kaum den gleichen Halt wie das Geländer.
Warum gibt es jetzt aber so viele Leute, die
Voltigieren nur mit Helm anbieten?
Meine Antwort: weil man so versucht der Verantwortung als kompetenter Ausbilder zu entgehen oder einfach aus Unwissenheit.
Leider sieht man häufig, wie ein braves, gerne mal auch schon (zu) altes/plattes Pferd (kommt leider wirklich häufiger vor) mit einem Billig-Gurt aus dem Versandhandel oder dem großen Auktionshaus mit den 4 Buchstaben auf einer simplen
Schabracke, auf einem Mini Zirkel im Kreis laufen gelassen wird und die Kinder mit (meistens auch noch schlecht sitzenden) Helmen und festen Schuhen auf dem armen Pferd „turnen“ und das viel zu oft ohne Rücksicht auf das Pferd. Das hat dann nichts mit
Voltigieren zu tun, sondern ist einfach nur grausam. Der Helm soll die „Ausbilder“ dabei nur in Sicherheit wiegen, damit man im Falle eines Unfalls immer sagen kann: „aber er hat doch einen Helm getragen“. Dass es bei einer korrekten Ausbildung von Voltigierern und Pferd und mit einer vernünftigen (!!!) Ausrüstung deutlich seltener zu Unfällen und Verletzungen kommt, ist vielen gar nicht bewusst und wäre viel wichtiger als immer nur zu sagen: Es geht nur mit Helm!
mini Voltis ohne HelmVoltigieren ohne Helm